
Für eine Bachelorarbeit verarbeiten Studierende üblicherweise 30 bis 50 Quellen, für eine Masterarbeit oft deutlich mehr. Viele davon stehen in Fachzeitschriften, die nur über die Lizenzen der Universität zugänglich sind. Wer neben dem Job studiert, kann jedoch selten tagsüber in die Bibliothek fahren. Die Literaturrecherche für die Bachelorarbeit findet daher meist am heimischen Schreibtisch statt.
Vielleicht kennst Du das: Es ist Feierabend, Du hast endlich den passenden Aufsatz gefunden, und der Verlag verlangt 40 Euro für den Download. Dabei hätte Deine Universität den Artikel womöglich längst lizenziert. Wie Dir geht es vielen Studierenden, die an Paywalls, VPN-Fehlern und Lieferzeiten der Fernleihe scheitern.
Folgend erhältst Du einen Leitfaden für die Recherche von zu Hause: vom Fernzugriff über die Suche in Fachdatenbanken bis zur Fernleihe. Wie kommst Du verlässlich und rechtzeitig an die Literatur, die Du für Deine Thesis brauchst?
Wege ins Netz der Universität
Universitäten bezahlen jedes Jahr hohe Summen für Zeitschriften, E-Books und Datenbanken. Die Verlage schalten diese Inhalte frei, sobald sie Dich als Angehörigen der Universität erkennen. Auf dem Campus geschieht das automatisch über die IP-Adresse. Von zu Hause aus gibt es dafür in der Regel zwei Wege.
VPN-Client einrichten
Ein VPN leitet Deinen Datenverkehr über die Server Deiner Universität. Für die Verlagsseite sieht es dann so aus, als säßest Du im Lesesaal. Die Software lädst Du beim Rechenzentrum herunter und meldest Dich mit Deiner Uni-Kennung an.
Doch bei der Einrichtung ist einige Vorsicht geboten. Viele Universitäten bieten zwei Profile an: eines nur für interne Dienste und eines für den gesamten Datenverkehr. Für die Literaturrecherche brauchst Du in der Regel das zweite. Die Anleitung des Rechenzentrums nennt das passende Profil meist ausdrücklich.
Anmeldung über Shibboleth
Einfacher ist oft der institutionelle Login, der unter den Namen Shibboleth oder DFN-AAI läuft. Er funktioniert direkt im Browser und braucht keine zusätzliche Software. Auf der Verlagsseite klickst Du auf „Access through your institution“ oder „Institutional Login“. Dann wählst Du Deine Universität aus und meldest Dich auf ihrer Seite an.
Die großen Verlage wie Springer, Elsevier oder Wiley unterstützen dieses Verfahren. Bei kleineren Anbietern und manchen Datenbanken brauchst Du hingegen weiterhin das VPN. Aus meiner Sicht lohnt es sich, beide Wege einmal einzurichten. Fällt einer aus, wechselst Du ohne Zeitverlust auf den anderen.
Studierst Du bei einem privaten Anbieter oder einer Fernuniversität mit kleiner Bibliothek, prüfe den Bestand an Datenbanken genau. Viele Universitätsbibliotheken stellen auch Externen einen Bibliotheksausweis aus, mitunter gegen eine Gebühr. Den Fernzugriff auf lizenzierte Datenbanken erhalten Externe jedoch meist nicht, sie nutzen diese nur vor Ort.
Probleme beim Fernzugriff beheben
Trotz eingerichtetem Zugang stehst Du mitunter vor einer Bezahlschranke. Das ist keine Seltenheit und meist schnell gelöst. Prüfe die möglichen Ursachen der Reihe nach, statt den Artikel zu kaufen.
Paywall trotz aktivem VPN
Die häufigste Ursache ist das Split-Tunneling. Dabei leitet das VPN nur den Verkehr zu internen Diensten der Universität um. Die Verlagsseite rufst Du weiterhin über Deinen privaten Anschluss auf, und der Verlag erkennt Dich nicht. Wechsle in diesem Fall auf das Profil für den gesamten Datenverkehr.
Ein zweiter Auslöser sind Cookies und Cache im Browser. Hast Du die Seite vor dem Start des VPN geöffnet, merkt sich der Browser mitunter die Sperre. Öffne den Artikel in einem privaten Fenster oder lösche die Cookies der Verlagsseite. Häufig erscheint der Volltext danach sofort.
Mitunter hat Deine Universität die Zeitschrift schlicht nicht lizenziert. Im Coaching erlebe ich häufig, dass Studierende lange an der Technik suchen, obwohl der Fehler hier liegt. Ein Blick in die Elektronische Zeitschriftenbibliothek (EZB) klärt das in Sekunden. Ein grüner Punkt steht für frei zugängliche Zeitschriften, ein gelber für eine Lizenz Deiner Universität, ein roter für keinen Zugang.
Zugang prüfen
Bei einer Paywall prüfst Du zuerst das VPN-Profil, dann die Cookies und zuletzt den Lizenzstatus in der EZB.

Browser-Erweiterungen nutzen
Schneller geht es mit Browser-Erweiterungen wie LibKey Nomad oder Lean Library. Sie erkennen auf Verlagsseiten und in Google Scholar, ob Deine Universität einen Artikel lizenziert hat. Ein Klick führt Dich dann direkt zum PDF, ohne Umweg über den Katalog. Beachte jedoch, dass diese Werkzeuge nur funktionieren, wenn Deine Bibliothek sie unterstützt. Welche Erweiterung das ist, steht meist auf der Webseite der Bibliothek.
Für frei zugängliche Fassungen hilft zudem Unpaywall. Die Erweiterung sucht in Repositorien nach legalen Open-Access-Versionen eines Aufsatzes. Mein Rat: Richte eine solche Erweiterung gleich zu Beginn ein. So sparst Du über die gesamte Bearbeitungszeit viele kleine Suchschritte.
Suche in Katalogen und Fachdatenbanken
Wie baust Du die Recherche systematisch auf? Zunächst gilt es, das Thema einzugrenzen, denn ohne klare Begriffe liefert jede Datenbank zu viele Treffer. Wie Du ein Thema findest und schärfst, zeigt der Beitrag Bachelorarbeit Thema finden. Aus der Forschungsfrage leitest Du anschließend Deine Suchbegriffe ab.
Katalog und Fachdatenbanken
Google Scholar eignet sich für einen ersten Überblick, sortiert aber nicht nach Qualität. Der Katalog Deiner Bibliothek (OPAC) zeigt Bücher, Sammelbände und lizenzierte E-Books. Aufsätze aus Zeitschriften findest Du darin jedoch nur selten. Hierfür nutzt Du Fachdatenbanken: WISO für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, PubMed für Medizin und Pflege, JSTOR für viele Geistes- und Sozialwissenschaften. Welche Datenbanken Dein Fach abdeckt, zeigt das Datenbank-Infosystem (DBIS) Deiner Bibliothek.
Suchbegriffe kombinieren
Verknüpfe Deine Begriffe mit Booleschen Operatoren. UND grenzt die Treffer ein, ODER schließt Synonyme ein, NICHT schließt Begriffe aus. Mit einem Sternchen erfasst Du verschiedene Wortendungen, etwa „Führung*“ für Führung, Führungskraft und Führungsstil. Anführungszeichen suchen nach einer exakten Wortgruppe. Denke zudem an englische Begriffe, denn viele Fachaufsätze erscheinen auf Englisch.

Halte Deine Suchstrings und Treffermengen in einer einfachen Tabelle fest. Diese Dokumentation hilft Dir, die Suche später zu wiederholen und im Methodenteil zu beschreiben. Ein Programm zur Literaturverwaltung wie Zotero oder Citavi übernimmt die Treffer direkt aus der Datenbank. Notierst Du beim Lesen schon wichtige Aussagen, hilft Dir der Beitrag zum Paraphrasieren.
Fernleihe von Büchern und Aufsätzen
Hat Deine Bibliothek ein Buch nicht im Bestand, bestellst Du es über die Fernleihe. Dabei liefert eine andere Bibliothek aus Deutschland das Werk an Deine Universität. Die Bestellung gibst Du online über das Portal Deiner Bibliothek auf. Den Karlsruher Virtuellen Katalog (KVK) kannst Du vorab nutzen, um zu prüfen, wo ein Titel vorhanden ist.
Für gedruckte Bücher ist allerdings mindestens ein Weg in die Bibliothek nötig, denn dort holst Du sie ab. Manche Bibliotheken erlauben die Nutzung zudem nur im Lesesaal. Aufsätze erhältst Du hingegen oft als PDF per E-Mail. Schreibst Du Deine Bachelorarbeit in der Elternzeit oder neben dem Job, bündelst Du die Abholung am besten mit anderen Wegen.
Die Kosten sind überschaubar. In den meisten Bundesländern zahlst Du eine Auslagenpauschale von 1,50 Euro je Bestellung, auch wenn die Lieferung scheitert. Ausgeschlossen sind in der Regel Bücher unter 15 Euro Ladenpreis und Präsenzbestände anderer Bibliotheken. Nachstehend findest Du die üblichen Werte zum Nachschlagen.
| Fernleihe | Üblicher Wert |
|---|---|
| Gebühr je Bestellung | 1,50 €, auch ohne erfolgreiche Lieferung |
| Aufsatz, Seiten in der Gebühr | bis 20 Seiten, danach mitunter Aufpreis |
| Lieferzeit Aufsatz | 3 bis 5 Arbeitstage |
| Lieferzeit Buch | 10 bis 14 Arbeitstage, bei Vormerkung bis 6 Wochen |
| Leihfrist Buch | 4 bis 8 Wochen, Verlängerung oft nicht möglich |
| Ausgeschlossen | Bücher unter 15 € Ladenpreis, Präsenzbestände |
Fernleihe planen
Aufsätze kommen in wenigen Tagen als PDF, gedruckte Bücher brauchen zwei Wochen und müssen in der Bibliothek abgeholt werden.
E-Books und Kopienversand
Viele Studierende gehen davon aus, dass sich ein E-Book genauso ausleihen lässt wie ein gedrucktes Buch. Doch hier setzen Urheberrecht und Lizenzen Grenzen.
Grenzen der E-Book-Fernleihe
Ganze E-Books erhältst Du über die Fernleihe in der Regel nicht. Die Lizenzverträge der Verlage beschränken den Zugriff meist auf Angehörige der Universität, die das E-Book gekauft hat. Das Urheberrecht erlaubt Bibliotheken nach § 60e UrhG lediglich, auf Bestellung bis zu 10 Prozent eines Werkes oder einzelne Zeitschriftenaufsätze zu übermitteln. Gibt es das Buch auch gedruckt, bestellst Du am besten diese Ausgabe.
Kapitel und Aufsätze bestellen
Brauchst Du nur ein einzelnes Kapitel, ist der Kopienversand der schnellere Weg. Prüfe zuvor das Inhaltsverzeichnis im Katalog und bestelle gezielt die benötigten Seiten. Die Bibliothek liefert den Scan meist als PDF oder als Link per E-Mail. Lade die Datei sofort herunter, denn solche Links gelten oft nur wenige Tage.
Anschaffung vorschlagen
Ist ein Buch für Deine Arbeit unverzichtbar, kannst Du der Bibliothek einen Anschaffungsvorschlag machen. Fast jede Universitätsbibliothek bietet dafür ein Formular an. Begründe den Vorschlag mit Deiner Abschlussarbeit und nenne den Lehrstuhl. Ich empfehle diesen Weg vor allem für Standardwerke, die auch andere Studierende brauchen. Mit etwas Glück kauft die Bibliothek den Titel als E-Book, und Du liest ihn bequem von zu Hause.

Zeitplan und Notfallstrategien
Wie viel Zeit musst Du für die Beschaffung einplanen? Aus meiner Sicht gehört die Fernleihe zu den meistunterschätzten Zeitfressern einer Thesis. Viele Studierende bestellen erst, wenn sie das Buch schon brauchen. Besser ist es, die Literatur direkt nach der Gliederung zu bestellen.
Liegen zwischen Bestellung und Abgabe weniger als vier Wochen, rate ich von Buchfernleihen ab. Das Risiko ist hoch, dass das Buch zu spät kommt oder Dir nur kurz zur Verfügung steht. Greife dann auf Aufsätze, Kapitelscans und Open-Access-Literatur zurück. Bestellst Du mehrere Bücher, lass sie nicht gleichzeitig ankommen, denn die Leihfristen laufen sonst parallel ab.
Ist ein Buch nach zwei Wochen noch nicht da, frage bei der Fernleihstelle nach dem Stand. Oft lässt sich der Titel an einer anderen Bibliothek bestellen oder als Kapitel liefern. Bleibt eine zentrale Quelle unerreichbar, sprich früh mit Deinem Betreuer über Alternativen. Gefährdet eine dünne Quellenlage die gesamte Arbeit, informiere Dich rechtzeitig über einen Rücktritt von der Bachelorarbeit.
Richte Zugänge und Erweiterungen in den ersten Tagen der Bearbeitungszeit ein, und bestelle unverzichtbare Bücher sofort. So hast Du den Kopf frei für das Schreiben. Wie Du die Recherche in Deine Woche neben dem Job einplanst, zeigt der Beitrag Bachelorarbeit neben dem Beruf. Möchtest Du Deine Suchstrategie gemeinsam aufbauen, begleite ich Dich im Thesis-Coaching für Berufstätige.



